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2016  LANDESWEIT

24. September bis 20. November 2016

 

 

 

 

Bilder aus der Ausstellung

 

 

 

Ausstellungseinführung von Marcus Kettel

VBKW – Ausstellung LANDESWEIT
Einführungsrede von Marcus Kettel am 23.9.2016 in der Städtischen Galerie Reutlingen

Guten Abend meine Damen und Herren, liebe Kunstfreunde, liebe Künstlerinnen und Künstler!

Ich begrüße Sie recht herzlich zur Vernissage der Ausstellung „Landesweit“.

Vielen Dank an Frau Stoerl Strienz und an Herrn Dr. Gottschlich für die freundlichen und informativen Auftaktworte sowie an sämtliche Mitwirkende und helfende Hände des VBKW und der Städtischen Galerie Reutlingen.
Besonderen Dank an Anette Haug vom VBKW für ihre wunderbare Einladungskarten-, Plakat- und Website-Gestaltung.

Ich möchte gleich zu Beginn darauf hinweisen, dass Sie unter  www.vbkw-landesweit.de ausführliche und stets aktuelle Informationen über die beteiligten Künstler sowie Hintergrundinformationen zum Konzept dieser facettenreichen Ausstellung finden.

Um Sie wegen der großen Teilnehmerzahl nun nicht länger hinzuhalten, möchte ich nun alle 52 Teilnehmer, die ich aus über 130 Bewerbungen ausgewählt habe, mit ihrem hier präsentierten Werk ganz kurz anhand von fünf Schwerpunktthemen, die sich im Auswahlprozess herauskristallisiert haben, dialogisch zusammen mit Anette Haug vorstellen:

Das Spannungsfeld des ersten Begriffspaares Architektur und Urbanität thematisiert einerseits architektonische Grundlagen mit deren spezifischer Formensprache, nimmt andererseits aber auch Aspekte des uns umgebenden Stadtraumes mit dessen kulturellen und naturbedingten Erscheinungen unter die Lupe.

Der erste Teilaspekt erstreckt sich dabei von der modellhaften Raumkomposition Karl-Heinz Bogners Arbeit „Rekonstruktion“, welche wie ein aus theoretischen Grundlagen der Architektur zusammengesetztes Gedankengebäude wirkt, über Hans Albrechts minimalistische Bodenplastik „Werkverzeichnis 9/15“, die in strenger geometrischer Formulierung Räumlichkeit mittels des Zeichenhaften der freien Formelemente suggeriert, bis hin zu Thomas Hegers malerischen Darstellungen („Grund 3“ und „Stadtraum 2“), in denen die Personen als Alltagsfiguren fast bühnenartig ihre Auftrittsfläche suchen.

Im Gegensatz zu Thomas Hegers Darstellungen ist in Katrin Günthers groß angelegtem, architektonischen Untergangszenarium nebenan jedoch gar kein Mensch mehr zu sehen. Innerhalb ihrer filigran gezeichneten Szenerie mit dem mehrdeutigen Titel „Urban Spring 2“, erzeugt sie eine dynamisierende Perspektive, deren Sogwirkung sich der Betrachter kaum mehr entziehen kann.

Klaudia Dietewich verarbeitet in ihrer Installation „Wandel“ reale Aspekte des Urbanen, indem sie Spuren und Relikte aus der Region des Ruhrgebietes in ihrer zivilisatorischen Veränderung fotografisch dokumentiert und mittels Pigmentdruck auf Alu-Dibond-Platten verewigt.

Relikte aus seiner Umgebungsarchitektur bilden die Ausgangsbasis in Reiner
Anwanders
Holzskulptur „Trafo“: er recycelt Eichenbalken aus Abbruchhäusern, segmentiert diese und transformiert sie in „energetisch aufgeladene Skulpturen“.

Mit einer mehrdimensionalen Symbolsprache, verhandelt Simone Fezer in ihrer hier präsentierten Deckeninstallation Innen- und Außenräume. Ihr architektonisch anmutendes, organisch-erscheinendes mixed-media Stahlkonstruktionsgefüge mit dem Titel „Verhausungen – irdisch“, evoziert Fragen nach unseren Weltbildern, Identitätskonstruktionen und Ideenräumen, in denen wir uns zuhause fühlen.

Konkrete Fragen bzgl. verbindender und zusammenhaltender Elemente des Urbanen und Architektonischen, stellt Monika Drach in der fragilen, zeltartigen Installation „Cultural Cluster“.

Die Möglichkeit, neue Raum-, Flächen- und Wahrnehmungserfahrungen praktisch zu erproben, bietet uns Renate Scherg in einem modellhaft-interaktiven „Spieltisch“, auf dem dreierlei Spielformen präsentiert werden, die aktiv zum Mitspielen animieren.

Im Gegensatz dazu, thematisiert Martina Staudenmayer in ihrer Tischinstallation „Über Berge und Täler“ jedoch nur in einer Art spielerischen Anordnung Räumlichkeit, hier im Zusammenhang mit unseren natürlichen Gegebenheiten.

Innerhalb des nächsten Beziehungspaares Natur und Technik, weist Ellen Eckel mit ihrem Werk „MI.41“ (aus der Serie „morphogenetische Irrtümer“) auf technische Fehlentwicklungen und Auswirkungen der Gen-Manipulation hin, wohingegen Angela Garry aber auch positive Eigenschaften technischer Möglichkeiten der Genmanipulation betont, wenn diese für eine zukünftige Anpassung an besondere Lebensumstände von Nutzen sind.

Bezüglich der Erkenntnis, dass „Natur“ in vielen Werken sowohl Subjekt, als auch technisches Material zugleich ist, welches sich zwischen natürlich gefundenen und künstlerisch erfundenen Aspekten bzw. Substanzen bewegt, ist Hannelore Weitbrechts Papier-Objekt „Duale Mutation“ zu verorten. Darin verweist die Künstlerin sowohl auf die Fragilität des Materials, als auch auf diejenige der Natur.

Unter dem Aspekt der Naturnachahmung durch Kunst, wäre Angelika Brackrocks Skulptur „Pollen“ einzuordnen, bestehend aus Drahtgerüsten mit verbindendem Vliesgewebe. Während hier eher die Natur imitiert wird, führt uns Gabi Janker-Dilgers reliefartige Baumwoll-Textilcollage mit dem Titel „Resonanz II“ darüber hinaus in eine weitere Dimension des feinstofflichen Bereiches.

Ebenso in filigranem Gefilde anzusiedeln, ist das von Jörg Zimmermann gestaltete Glasobjekt, welches im technischen Schmelzofen der Glasbläserei entstanden ist und wie ein von der Natur erschaffenes Gewächs wirkt.

Ein insektenhaftes Mischwesen zwischen Natur und Technik, kreiert Judith Wenzelmann, indem sie in ihrer Plastik „Radschrecke“ eine Fahrradfelge auf zwei organisch-erscheinende Füße stellt. Könnte dies ein künstlerischer Hinweis darauf sein, dass technische Erfindungen wohl eher auf natürliche Beine gestellt werden sollten?



In den nachfolgenden Werken wird das Medium der Fotografie unsere Vorstellung von „Natur“ genauer unter die Lupe nehmen:
 Einen analogen, dokumentarischen Zugang zum Thema, eröffnet uns dabei Klaus Kühn in seinem Fotoessay „Tansania-Zansibar“, welcher die Kulturtechnik der Nahrungs-zubereitung in ihrem Ablaufprozess seriell veranschaulicht.

In digitaler Form, zerpflückt Jürgen Bubeck einheimische Pflanzensorten und setzt sie als Fotografie in seiner Arbeit „AgriculturalWork“ zu neuen Strukturen zusammen.

Im Gegensatz zu diesem collageartigen Verfahren, legt Wolfram Janzer in seiner Arbeit „Schichtungen 1“, fotografische Abbildungen des Waldbodens in einem mehrstufigen Verfahren der digitalen Nachbearbeitung übereinander.

Mit einer natürlichen Spiegelung, bricht hingegen Ulrike Brennscheidt die technische Abbildung durch das Fotografieren von Wasseroberflächen -in den beiden Fotografien ihres Tryptichons- wobei ein Effekt erzeugt wird, der die umgebende Landschaft darin reflektiert und diese somit wie „vibrierend“ erscheint. In ihrem hier präsentierten Ensemble, rahmen die technischen Abbildungen ihre malerische Impression in der Mitte ein und treten mit dieser in einen medialen Dialog.



Brigitte Neufelds Videoarbeit „baum-reisen“ veranschaulicht zu Beginn durch eine Kamerafahrt ihre Naturfaszination, welche mit ruhiger Ambientmusik synthetisierter Naturgeräusche unterlegt ist. Im Verlauf des Videos, verwandeln sich diese Klänge jedoch bis ins Dramatische, während in Parallelität dazu die visuellen Eindrücke vermehrt technischen Eingriffe in die Natur offenlegen.

Inspirationsquelle für Herbert Schmidts hier präsentierten, interdisziplinären Werk „Verdecktes Gelände“, war ein Gedicht mit einer inhaltlich poetischen Landschafts-beschreibung von Nico Bleutge, das sprachlich vertont wurde und dadurch zusätzliche Gedankenräume eröffnet, die über das rein technische Abbilden von Natur und deren Interpretation hinausreichen.

Das Verhältnis von Medien und Kriegen wird in diesem Bereich untersucht, wobei sowohl Medienbilder aus unserer Vergangenheit, die unser kollektives Gedächtnis prägen, als auch mediale Darstellungen aus dem aktuellen politischen Bereich der Flüchtlingsproblematik künstlerisch verhandelt werden.

Alfons Koller hat in seiner Arbeit „Leopardenherde“ Panzerzeichnungen mittels digitalem Siebdruck auf 100 Toastbrote gedruckt. Seine seriell angelegten Motive weisen durch ihren Wiederholungscharakter auch auf die Sinnlosigkeit der Massenproduktion von Panzern hin, was zudem mit den ungewöhnlichen Bildträgern und dem auffordernden Serientitel „eat me!“ (aus seiner konzeptionellen Werkgruppe) noch verstärkt wird.

Im Zusammenspiel mit einer ähnlichen formalen Anordnung mit den besonderen Bildträgern in Form von Bierdeckeln zeigt uns Rüdiger Penzkofer das Werk „marginale V“, das aus Tageszeitungs-Bildmaterial besteht, worauf historische Ereignisse und Personen aus den Medien abgebildet sind, die unsere Erinnerung prägen und unsere allgemeine Realitätskonstruktion bilden.



Die folgenden Werke befragen mit dem Genre der figurativ-orientierten Acrylmalerei unterschiedliche Facetten medialer Darstellungsformen der Flüchtlingsproblematik, „denn gute Kunst geht auch dahin, wo es weh tut“, um an dieser Stelle Jörg Heiser, Chefredakteur des „Frieze d/e“ Kunstmagazins aus seiner Publikation „Plötzlich diese Übersicht“, zu zitieren.

In Elke Zemelkas Bild „Zuneigung“, sieht man in symmetrischer Form die geometrische Teilung einer gesichtslosen Person. Einer Pathosformel gleich, veranschaulicht sie uns die ambivalente Problematik des Zerrissenseins zwischen Herkunftsort und Zufluchtsort.

Reale, sowie mediale Grenzziehungen überprüft Sibylle Möndel in der Arbeit „GrenzLAND“: ihre Acrylmalerei auf Siebdruck stellt motivisch eine Flüchtlingsperson dar, wobei die Darstellung eine empathische Hinwendung zum Aspekt des Menschlichen im Bildvordergrund zeigt, die vor den Grenzdarstellungen im Bilderhintergrund liegt.

Ganz konkrete, aktuelle Medienbilder aus der Printpresse, dienen Jan F. Welker als Vorlage für seine Bildmotive. Mit seinem expressiven Portrait „Sorrows“, lässt der Künstler Assoziationen zu den Leiden und Schmerzen eines geflohenen Kindes aufkommen.

Auf die Problematik der kulturellen Diversität, weist Alfred Bradler in seinen Ölgemälden mit dem Titel „fremd 3 – Entwurzelt, ausgeliefert dem kulturellen Konflikt“ hin. Dargestellt ist in einem der beiden Bilder ein farbiger Flüchtling, der sich eine Hand vor die Augen hält und uns so entweder nicht sehen kann oder vielleicht auch nicht gesehen werden will sowie im Anderen einer, der uns den Rücken zukehrt.

In das dialogische Beziehungsgeflecht zwischen menschlichem Abbild und unserer Vorstellung von Identität, führen uns zuerst verschiedene skulpturale Darstellungsformen, die uns ein facettenreiches Spektrum unterschiedlichster inhaltlicher Konzepte, materieller Umsetzungen und künstlerischer Ausformungen bieten.

So stellt die von einem Gedicht inspirierte minimal-interaktive Arbeit „Cruppelarius Firmus“ von Uwe Bürkle einen Kunstharz-Torso als Kippfigur dar: diese kann und soll vom Besucher angestoßen werden. Durch den regulativen Aspekt der eigentlichen „Unumstößlichkeit“, verweist sie auf eine eher gefestigte Identitätsvorstellung.

Dieser flexiblen Kraft, steht Ralf Ehmanns figurative Marmorskulptur „Träger“ entgegen, welche das „statische Element“ sowohl als Stützkraft im Bereich der Architektur, als auch metaphorisch innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges, als die vom Menschen zu tragende Last, betont.

Ubbo Enninga präsentiert uns mit seiner Gipsfigur (als Vorlage für eine Bronzeplastik) die ikonische Abstraktion der Choreografin und Pionierin des Modernen Tanztheaters „Pina Bausch“ auf einer Stele, die in harmonischer Geschlossenheit von Händen umschlungen ist und gehalten wird. Könnte das auch darauf hinweisen, dass die menschliche Beweglichkeit letztendlich „alles zusammenhält“?

Im Unterschied dazu bekräftigt Birgit Feil in ihrer figurativen Plastik „Louise“ das aktionslose Element und weckt damit die Assoziation zur Vorstellung eines menschlichen Idealbildes, das sich scheinbar vom Korsett des Alltags befreit zu haben scheint.

Einen aktiven und auseinandersetzungswilligen Prozess, zeigt uns Franklin Pühn in Form eines szenischen Gruppenensemble mit seiner filigran-expressiven Papierarbeit „Randale“.

Ganz im Gegensatz dazu, veranschaulicht uns Frank Teufel in seiner dual-geschwungenen und sehr harmonisch wirkenden, abstrakten Kalksteinplastik „8-14“ aus der Werkreihe „Beziehung“, das „Aufeinanderbezogensein“ im menschlichen Zusammensein.

Diesen Bereich beschließt Friedrich Zimmermann mit einer sich emporwindenden Marmorskulptur, welche einen organischen Wachstumsprozess verkörpert und sowohl mit ihrer aufstrebenden Pose, als auch dem Titel nach ikonologisch ein „Menschzeichen“ symbolisiert.



Petra Rosenthal erforscht in ihren Arbeiten „living in a box“ hingegen mit fotografischen Mitteln das Verhältnis von individueller Freiheit und räumlicher Begrenztheit. Dabei positioniert sich die Künstlerin selbst als Protagonistin innerhalb der abgebildeten Holzboxen, die in zweierlei Fotoformaten -einmal in realer Größe und dreimal in einer kleineren Abfolge.

Unser, durch Werbeästhetik beeinflusstes Image von Freiheit, hinterfragt Claus Rudolph mit seiner real-inszenierten und szenisch-absurd wirkenden Farbfotoarbeit „Caffeefahrt“. Dadurch konterkariert er unsere mediengeprägte Identitätsvorstellung und verweist mit diesem surrealistischen Aspekt schon auf das nächste Begriffspaar, in dem es sowohl um physische Aspekte, als auch um metaphysische Dimensionen geht, wobei Materialität auch das formgebende Material mit seiner Eigengesetzlichkeit und Oberfläche impliziert und Immaterialität sowohl auf eine unbewusste Ebene hinweist und Inhaltlichkeit betont.

Eckard Hahns surrealistisch anmutenden und in großer handwerklicher Perfektion ausgeführten Acrylgemälde „Soaps“ und „Between“, beinhalten in ihrem zentralperspektivischen Illusionismus, absurde Bildkompositionen, welche sich auf den ersten Blick unserem rationalen Verständnis entziehen. Indem der Künstler Räume und Gegenstände in außergewöhnlicher Weise collagenartig miteinander kombiniert, ermöglicht er uns neuartige Sichtweisen und offenbart uns somit auf einer immateriellen Ebene unbewusste Zusammenhänge.

Durch wässrige Strukturen und fließende Übergänge, transformiert Beate Bitterwolf in ihrer transparenten Darstellung „Horizonte – kein bleiben nirgends 15“, Natureindrücke aus der unmittelbaren Umgebung ihres Ateliers am Bodensee, in eine leuchtende und wundervoll verschwommene, aber gleichzeitig auch nuanciert austarierte Farbsymphonie.

Mittels experimenteller Farbfeldmalerei lotet Bernd Mattiebe die Farbe in seiner Flächendimension aus. Im Gegensatz zu seinem sonstigen bildnerischen Schwerpunkt der formauflösenden Tendenzen, setzt er in seinem hier präsentierten Werk „ohne Titel“, durch breite Pinselführung spurenhafte Farbaufträge über die roten, kongruenten Kreise und legt damit auch eine besondere Betonung auf die eigentlichen Charakter-eigenschaften der Farbe in ihrer Materialität an sich.

Ähnlich wie Beate Bitterwolf, ruft auch Harald Huss einen „in Schwingung geratenden Farbklang“ hervor, der in seiner speziellen Malweise mit dem Auftrag von bis zu 40 Farbschichten ein und derselben zentralen Farbe übereinander hervorgebracht wird. Zudem weisen seine fast monochrom-wirkenden Exponaten „Fitou 1 & 2“ streifenartige Ränder auf.

Eva Schwanitz erzeugt in ihrem Farbholzschnitt mit dem Titel „Himmel und Erde“ hingegen durch die Holzmaserung der Druckstöcke abstrahiert-strukturierte Farbfelder in streifenartigen Abstufungen, die eher malerisch als graphisch wirken. Dadurch ergeben sich „Transitorische Momente“ –so ihr übergeordneter Serientitel- von horizontalen Farbverläufen.

Die ästhetische Erfahrung bildet in Günther Titzs Werk den Ausgangs- und Verbindungspunkt für seine Art der Transformation von Gefügen, Ordnungen und Strukturen.
 Dabei weckt seine mit Querstreifen durchzogene Abbildung mit dem numerischen Titel „5060“ auch Assoziationen zu technisch erzeugten Bildern mit deren Fehlstellen.

Ein besonderes Arrangement in der Kombination der beiden Medien Malerei und Video, hat Jaro Benoni installiert, indem sie hinter ein gemaltes Motiv im zentralen
 Bildraum bewegte Videoszenen setzt. Ihre Arbeit „Ice Times“, veranschaulicht dabei dokumentarisch den Schmelzprozess eines Speiseeises.

In Barbara Wittmanns Werk „Auf welcher Seite stehst Du?“, ist das fotografische Abbild des Stadtraumes Ausgangsbasis ihres Bildhintergrundes, das sie als zweifarbigen Lithographie-Druck in Cine-collé-Technik auf Leinwand collagiert. Mit ihrem speziellen, stufenweisen Herstellungsprozess, sorgt sie dafür, dass das Motiv einen metaphysischen Schleier erhält, welches ein Gesamtbild erzeugt, das in tieferliegenden Dimensionen unserer Erinnerung zu verankern ist.

Christina Freys Ausgangsbasis für ihre Webe-Arbeiten bildet die gestische Malerei in einem ersten Arbeitsschritt, welche sie mit rasch aufgetragenen Farbverläufen ausdrückt. Anschließend webt sie diese Motive stofflich nach und gestaltet damit kleinformatige Tapisserien. Mit dem sehr zeitintensiven Herstellungsverfahren des Webens, setzt sie somit innerhalb ihres gesamten Produktionsprozesses im zweiten Arbeitsschritt einen meditativen Kontrapunkt zum flüchtigen Anfangsimpuls.

Eine besondere Arbeit, in der sich sowohl Bildträger, als auch deren bildgebende Materialität in einem Wandobjekt vereinen, zeigt uns Maria Gracia Sachitelli in ihrer gelblich-weißen, flächigen Latexskulptur „Flux“, die aus einer Latex-Farbmischung besteht. Unter Einwirkung des Lichteinfalls wird hier zudem die Transparenz des Materials betont und damit auch auf dessen immateriellen Aspekt hingewiesen.

Mit einem monochrom-weißen Farbton, lässt Gisela Reichs ovale Textilcollage „Das weiße Rauschen“ Gedanken zum Immateriellen, Verborgenen oder nur Gedachten aufkommen. Ihr Wandrelief erinnert in ihrer Form durch die serielle Anordnung von hülsenförmigen Röhrchen dabei einerseits an etwas Naturhaftes, andererseits aber auch an anorganisch-Versteinertes, das seinen materiellen Inhalt verloren zu haben scheint.

Einen spannenden Kontrapunkt dazu setzt Brigitte Pfaffenberger. In ihrem aus Papierschnüren bestehenden „Faserobjekt 2“, legt sie dessen innere Struktur offen und kehrt diese nach außen. Durch diese formauflösende Tendenz, geht sie damit in den feinstrukturellen Bereich über und lässt die Eigengesetzlichkeit des Materials selbst „zur Sprache kommen“.

Diesem eher filigranen Aspekt, steht Christa Schmid-Ehrlingers titelloses Drahtobjekt gegenüber, denn Draht verkörpert mit seiner spezifischen materiellen Biege-Eigenschaft der „Elastizität und Stabilität“ für die Künstlerin die eigentliche, skulpturale Form des Fadens. Auf einer weiteren Ebene, erzeugt ihre Anordnung durch Schattenwurf aber auch wiederum virtuelle Zeichen auf der Leinwand.

Losgelöst vom aktuellen Zeitgeist, beschäftigt sich Brigitte Fuchs mit einer eigenen Definition des Netzwerkens von Zeiten und Materialien, indem sie auf einem, sich in seinen Gewebestrukturen auflösenden, brüchigen Leinensack -auf dem in ihrem hier präsentierten Werk mit dem Titel „Brennender Dornbusch“ noch die Jahreszahl 1886 zu erkennen ist- handgenähte Seidenumwicklungen vornimmt.

Damit setzt sie auch einen spannungsreichen Kontrapunkt zu Eckard Hahns beiden Exponaten in der Mitte des Ausstellungsraumes mit deren eher glänzenden Oberflächendarstellungen -welche mittels virtuoser Lasurtechnik hervorgebracht wurden- und schließt zudem wunderbar den Kreis der gesamten Ausstellung mit ihrem Verweis auf Novalis Aussage, dass das „Äußere ein in das Geheimnis erhobenes Inneres ist“.

Auf einer weiteren Ebene, ermöglicht sie uns dadurch auch eine interessante Neubetrachtung der beiden grundlegenden Komponenten im Kunstbereich:
 Materialität und Immaterialität!

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen nun einen beeindruckenden Abend mit vielen Neu-Entdeckungen!

Viel Spaß und vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Marcus Kettel